Stadtspaziergänge. Gehen als künstlerische Praxis

Der Akt des Gehens ist für das urbane System das, was die Äußerung (der Sprechakt) für die Sprache oder für die formulierte Aussage ist. (...)Das Geschehen kann somit fürs erste wie folgt definiert werden: es ist der Raum der Äußerung. (Michel de Certeau)

 

Im Sinne Certeaus ermöglicht uns das Gehen oder Spazieren die aktive Teilnahme am Stadtgeschehen, im öffentlichen und sozialen Raum. In einer Welt, wo vieles nur mehr im Schnelldurchlauf aus Autofenstern heraus beobachtet wird, provoziert das Gehen eine Entschleunigung, die einen anderen Blick auf Individuen im Verhältnis zur Architektur zulässt. Die dadurch entstehende neue Raumwahrnehmung erleichtert eine bewusste Auseinandersetzung mit der Stadtlandschaft, ihren Strukturen und dem sozialen Gefüge.

 

Mit der Erweiterung des Kunstbegriffs seit den 1960er Jahren haben KünstlerInnen auf Ihrer Suche nach neuen Schaffensräumen den Spaziergang als Kunstform entdeckt und in unterschiedlichen Medien und mit divergierenden Intentionen interpretiert, wobei eine Veränderung der Stadtwahrnehmung und die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper in Raum und Zeit ein immer wiederkehrendes Motiv darstellt. Künstlerisches Produkt ist hier nicht unbedingt ein materielles Werk, sondern auch das Schaffen von Ereignissen und Situationen.

 

Im Rahmen der Lehrveranstaltung wurde das Gehen als künstlerische Praxis kennengelernt und die Stadt Graz mit Hilfe von Stadtspaziergängen erforscht. Subjektive Eindrücke und Wahrnehmungserfahrungen, die während des Spazierens gemacht wurden, flossen in eine psychogeographische Karte von Graz ein, deren weiße Teile angenehme Orte kennzeichnen und die schwarzen weniger einladende Gebiete markieren.

Achtundzwanzig eigenständige Kunstprojekte, die von Videos über Performances bis hin zu Skulpturen reichen, eröffnen individuelle Zugänge zum Thema und werfen die Frage auf, inwieweit können wir durch unser Gehen die Realität der Stadt verändern und öffentlichen Raum aktiv mitgestalten.