zwei in einem

drinnen wie draußen, draußen wie drinnen

Es gibt keine Stadt mehr, die anders vorstellbar ist, denn als Einkaufszentrum. Nicht-kaufen-können ist mit Unattraktivität gleichzusetzen. Ein nicht-konsumistisches Ambiente stößt auf Aversion, gilt als langweilig und öde.
(Manfred Prisching in: Die zweidimensionale Gesellschaft, ein Essay zur neokonsumistischen Geisteshaltung)


Die Auseinandersetzung mit Stadt, mit öffentlichem, umbautem Raum ist für Architektinnen und Architekten seit jeher selbstverständlich, wenn auch die jüngere Generation sich anders nähert: nicht mehr Masterpläne oder utopische Manifeste sind Ziel der Beschäftigung mit dem Umraum, sondern Eingriffe im Alltäglichen, Auseinandersetzung mit Bestehendem. Auch Künstlerinnen und Künstler setzen ihre Kunstwerke in Beziehung zu den herrschenden Normen und Konfliktzonen des öffentlichen Raumes.

Basierend auf dieser Herangehensweise wird im Rahmen der Lehrveranstaltung nicht der klassisch öffentliche Raum, sondern die verschwimmende Grauzone der „Halböffentlichkeit“ diskutiert: die nur scheinbar öffentliche, aber letztlich private Natur des Shoppingcenters als sicherer, sauberer und hermetisch abgeriegelter Mikrokosmos, der seine eigene Visualisierung vom städtischen Leben entwirft. Umgekehrt bildet der anhaltende Erfolg der Mall längst eine wichtige Maßeinheit für die  gegenwärtigen Entwicklungen innerhalb des innerstädtischen Raumes. Zu beobachten an einer schleichenden Angleichung von innen und außen, von öffentlichen Grundrechten und privaten Reglementierungen, von Verbotszonen und Hausordnungen.

Schon 1921 hat Walter Benjamin in seiner Analyse „Kapitalismus als Religion“  festgestellt, dass der Konsumismus weitgehend Züge einer Weltreligion angenommen hat. Auch in seiner Architektur: Dies würde der „Vater der Shopping Mall“, der nach Amerika emigrierte, österreichische Architekt Victor Gruen sicher bestätigen. Er sollte seinen zu Verkaufsmaschinen mutierten Stadtteilzentren bald den Rücken kehren. Oder auch der deutsche Medientheoretiker Norbert Bolz, der in seinem Manifest dem Konsumismus immerhin einen großen zivilisatorischen Effekt zuspricht. Diese Konzepte und Überlegungen bilden ebenso einen theoretischen Ausgangspunkt, wie die „Nicht-Orte“ des französischen Antropologen Marc Augé oder Robert Venturis Anspruch von Las Vegas zu lernen.

Dazwischen liegen gut 60 Jahre Shoppingcenter-Architektur und damit verbundene Marketingstrategien. Und rund 200.000 m² greifbare Shoppingcenterfläche in und rund um Graz – von sterbender Annenpassage bis zu florierender Seiersberger Peripherie bieten sich genügend Flächen: für Recherche, Analyse, Adbusting oder Intervention.


Leitung: zweintopf

Mitarbeit: Jomo Ruderer