Reiselust. Mobilität im Zeitalter der Globalisierung

Space … exits in a social sense only for activity-for (and by virtue of) walking … or travelling.  (Henri Lefebvre)

 

Wer reist durchmisst Raum und Zeit, lernt Unbekanntes und sich selbst besser kennen. Seit Jahrhunderte unternehmen Menschen aus unterschiedlichsten Gründen Reisen, aber zu keiner anderen Zeit war es für große Bevölkerungsgruppen so einfach zu reisen. Die Tourismusindustrie ist gegenwärtig der größte Wirtschaftszweig der Welt, denn 200-250 Millionen Menschen verbringen mindestens einen Urlaub im Jahr im Ausland. Mittels ausgeklügelter Transportsysteme gelangen wir innerhalb von Stunden an die entlegensten Orte der Welt. Reisen wurde etwas Alltägliches für uns, der Anspruch nach Mobilität und Flexibilität ist in unserer neoliberalen Gesellschaft steigend. Viele Jobs wären ohne tägliches Pendeln von Wohnort zur Arbeitsstelle und retour undenkbar und auch Studierende sind viel unterwegs: Erasmusaufenthalte oder Auslandspraktika sind in einigen Studien bereits verpflichtend.

Für Künstler war das Reisen als Inspirationsquelle und Horizonterweiterung von jeher von großer Bedeutung. Ausgehend vom Künstler als Handwerker, der Wanderjahre brauchte, um vom Gesellen- zum Meisterstatus aufzusteigen, ist die Künstlerreise und deren Verbreitung mit Beginn der Neuzeit anzusetzen. Es galt den Defiziten, wie fehlende künstlerische Vorbilder und Eindrücke, schwierige Arbeitsbedingen, fehlende Anerkennung in der Heimat und Ähnlichem zu entkommen. Reiseziele waren schwärmerisch verklärte Sehnsuchtsorte in Italien, Griechenland, im Orient oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch Metropolen wie New York und Paris sowie die Südsee, wo man Exotismen studierte.

In der zeitgenössischen Kunst sind im Themenkomplex Reisen auch andere Fragestellungen enthalten. Neben Inspiration wird nach Brüchen in der post-industriellen Gesellschaft gesucht. Es werden nicht nur Reiserouten der Tourismusströme sondern auch die von Konsumgütern in unserer gegenwärtigen turbokapitalistischen Welt untersucht, Fragestellungen nach der Funktion von Transiträumen oder „Nicht-Orten“ jenseits der Bewältigung von Menschenströmen gestellt und Strategien von ExilantInnen beleuchtet.

 Im Rahmen der Lehrveranstaltung Künstlerische Gestaltung 2 im WS  2012 unternahmen die Studierenden eine imaginäre Reise. In Teilschritten von Abreise/Unterwegssein/Ankunft wurden für Reisende relevante Themen wie multifunktionale Gepäckstücke, Transitorte, Infrastruktur des Tourismus, mobile Wohneinheiten und Fortbewegungsmittel untersucht und darauf aufbauend eigenständige künstlerische Projekte entwickelt.